Von Sauberkeit und Weihnachten in Australien

Zwei Füße mit Ausblick im Hintergrund

Insider Mara erzählt aus Australien:

23 Stunden Busfahrt später war es dann so weit. Phil hatte mich nach Morgenfütterung und Arbeit mit den Jungpferden zu der Tankstelle am Highway gebracht, von der aus der Bus fahren sollte. 40 Minuten musste der Arme mit mir und einem anderen Mädchen warten, das ebenfalls mit dem Bus fahren wollte. Dann kam der Zeitpunkt, als der Bus ankam und zum Abschied gab es eine herzliche Umarmung, bevor ich in den Bus sprinten musste, weil es ja schon genug Verspätung gab. Es lief ein Film und so schaute ich ein wenig zu und unterhielt mich mit dem Mädchen neben mir. Ich kümmerte mich darum, Weihnachtsbriefe zu schreiben, mit meinem Reisetagebuch aufzuholen und mir auszumalen, wie es so werden würde, am Ende dieser Reise, in Townsville. Das Mädchen stieg aus, der Bus wurde leerer und ich wechselte in die letzte Reihe, wo ich mich breit machte. 23 Stunden in so einem Bus können ganz schön lang werden. Doch dann stieg ein Australier ein und setzte sich neben mich, 45, trank heimlich und unerlaubterweise Wein, unterhielt sich mit mir über seine Scheidung und schlief irgendwann an meiner Schulter ein…

Zwei Füße mit Ausblick im HintergrundZwischendurch gab es immer wieder Stops, drei Mal hielten wir an Stellen an, an denen wir während unseres Roadtrips schon gezeltet oder zumindest Pause gemacht hatten. So klein ist Australien tatsächlich.

In Townsville angekommen war ich froh, mich endlich bewegen zu können und lief in die Stadt, um noch schnell meine Briefe zur Post zu bringen, bevor Sandra eine Stunde später ankommen sollte.

Ich war jedoch wegen der Hitze und meines Backpacks ein bisschen spät dran und so kam sie mir Richtung Stadt entgegen. Wir aßen eine Kleinigkeit und gingen dann zum Fähranleger zurück um dort auf unseren Farmer zu warten.

Wir spekulierten bei jedem Auto, ob er das sein könnte, äußerten Wünsche und waren im ersten Moment enttäuscht, als ein ziemlich altes Auto mit Fellbezügen auf den Sitzen neben uns hielt und ein Ende 50-jähriger Mann mit Headset ausstieg. Wir stellten uns Craig vor, schmissen unsere Sachen in den Kofferraum und begannen mit der Beantwortung der üblichen Fragen – Woher kommt ihr, wie lange seid ihr schon da, was hat euch bis jetzt am besten gefallen? – und stellten natürlich auch Fragen, wie lange wir fahren würden, was genau Craig so machte und was unsere Aufgaben wären. Ein wenig verwirrt mussten wir feststellen, dass Craig andauernd auswich oder unterbrach, um uns irgendwas über ein Gebäude oder eine Straße zu erzählen oder auf eine Nachricht oder einen Anruf auf einem seiner zwei Handys antwortete. Wir fuhren zunächst dann noch einkaufen. „Nur für heute Abend“, 10 Sorten Gemüse, Obst und Hackfleisch landeten im Wagen. Craig brach in Begeisterungsrufe aus, „excellent“, als wir ihm halfen, die Sachen an der Kasse aufs Band zu legen, was Sandra und ich recht selbstverständlich fanden.

Auf dem Weg zu seinem Grundstück verließen wir dann die Stadt. Craig erzählte uns, er hätte sich am Vortag wohl irgendwie verhoben und hätte sich am Morgen nicht richtig bewegen können. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung, wie sehr diese Tatsache unseren Aufenthalt bei ihm beeinflussen würde. Er erzählte von seinem Jetski, mit dem er mit uns nach Magnetic Island fahren würde, und dass er durch eins seiner Businesse immer Kinofreikarten bekommen könnte, also wenn wir mal ins Kino wollten, müssten wir nur Bescheid sagen. Klang ja schonmal sehr vielversprechend. 15 km später bogen wir auf eine unbefestigte Straße ab und erreichten 2 weitere Minuten später Craigs Zuhause, das für die nächsten Wochen auch unseres werden würde. Ein paar sehr grüne Koppeln, ein großer Stall, dann eine Wiese mit vielen Mangobäumen und einem großen modernen weißen Haus mit weiteren Koppeln dahinter. Als wir ausstiegen lief uns das erste Pferd, Molly, entgegen, das auf der Wiese direkt vor dem Haus stand und im Prinzip ins Haus hätte laufen können, wenn sie nicht so groß gewesen wäre.

Im Haus bekamen wir eine kurze Führung, räumten die Einkäufe aus und hatten dann Zeit, uns in unserem Zimmer mit riesigem Schrank und Bett einzurichten. Der erste Eindruck vom Grundstück und den Versprechungen war sehr gut, Craig konnten wir beide noch nicht so richtig einschätzen. Er hatte uns ein Buch in die Hand gedrückt, in dem unsere Aufgaben drin standen, sowie deren Handhabung. In Bild für Bild Anleitungen. Zum Beispiel, wie man Handtücher richtig faltet oder sich die Hände wäscht, bevor man Lebensmittel anfasst.

Pferde auf der FarmDann bekamen wir eine Führung über die Koppeln und fütterten 7 der insgesamt 11 Pferde. 7 statt 70 wie zuvor, ein Hund und ein Pony, das sich gegenseitig hinter dem Haus jagten, der Hund fast so groß, wie das Pony, ein Kaninchen, 8 Fische und eine Schlange. Recht übersichtlich also. Danach ging es ans Kochen. Wir bekamen eine exakte Stelle zugeteilt, eine Schneideunterlage, ein Brettchen und ein Messer, sowie die Gemüsesorten und ein paar Plastikdosen, in die wir das Gemüse legen sollten, nachdem wir es nach exakten Vorgaben geschnitten hatten. Sandra und ich warfen uns ein paar verwirrte Blicke zu, taten aber wie geheißen. Als dann alles fertig war, gab es Nudeln mit Gemüse und Hackfleischsoße, für Sandra ohne Hack, da sie ja Vegetarierin ist. Wir deckten den Tisch, 4 Sets für uns Menschen, sowie eins für die Katze, spezielle Dinnergläser und besondere Wasserflaschen aus dem Kühlschrank. Zum Essen kam dann der Sohn Craigs, Brodie dazu, sprach allerdings sehr wenig und verschwand sofort wieder, sobald er seine zwei Schüsseln leer gegessen hatte. Die Katze blieb länger am Kopfende des Tisches sitzen und fraß genüsslich den Käse von ihrem eigenen Teller, was ebenfalls ein wenig befremdlich war. Wir unterhielten uns noch ein wenig, vor allem über Craigs verschiedene Tätigkeiten, als Clown/Zauberer, seine Fensterputzfirmen, seine mobile Disko und was er sonst noch macht, spülten dann ab und bekamen gezeigt, wie wir alles super trocken bekommen, damit es durch das schlechte Wasser keine Wasserflecken irgendwo gebe… Wir verabschiedeten uns ins Bett und überlegten, was wir von der Situation halten sollten. Craigs Art alles so penibel zu betrachten und kommentieren war schon etwas anstrengend und beim Blick in das Wwoof-Buch fanden wir heraus, dass grundsätzlich vor der Benutzung irgendwelcher Gegenstände (und Lebensmittel) zuerst Craig zu fragen sei, ob das okay wäre.

Selbst gebackene Kekse auf BlechenAm nächsten Morgen fanden wir dann die Routine auf dem Hof heraus. Wir standen um 6 auf und eine der Arbeiterinnen Craigs zeigte uns, wie man die Hühner versorgte, das Pferdefutter vorbereitete und die Koppeln abäppelte, Craig lag mit schlimmen Rückenschmerzen im Bett. Meghan, die uns alles zeigte und sehr freundlich war, riet uns, immer alles exakt so zu machen, wie Craig es vorschriebe, da er sonst eher ungehalten wäre. Nachdem wir also alles nach Vorgabe erledigt hatten, und Meghan Craig drei mal angerufen hatte, um nachzufragen, wie dies oder jenes gemacht werden solle, durften wir frühstücken. Um 13:00 Uhr. Anlässlich Sandras Geburtstag durften wir Pfannkuchen backen und essen.

Hinterher hatten wir noch einige Dinge im Haus zu tun, wie das eine Kaninchen, den Hund und die Fische zu füttern. Später gingen wir spazieren, fütterten nochmals die Pferde und aßen zusammen mit Craig die Reste vom Vortag. Er erzählte uns, dass Brodie nicht so sozial sei und dass das vermutlich an seinem Autismus liege, er ihn aber durch die Arbeit in seiner Fensterputzfirma dazu nötige, mit anderen Menschen zu reden. Brodie tat uns etwas leid…

Die nächsten Tage verliefen immer relativ ähnlich. Wir arbeiteten unsere Liste mit den üblichen Aufgaben und den täglichen special tasks ab, und verbrachten unsere Freizeit mit Lesen in der Hängematte, Essen oder Schlafen. Einmal fuhr Craig uns ins Kino, auf dem Rückweg sprachen wir viel mit Brodie, der verdonnert worden war uns abzuholen, und auch als er uns am nächsten Tag in die Stadt fuhr, redete er viel mit uns, nur nie, wenn wir zuhause waren und Craig in der Nähe.

Craig selbst verschwand über das Wochenende komplett in seinem Zimmer und schrieb uns Nachrichten oder rief uns an, wenn er seine Wärmflasche aufgewärmt oder etwas zu Essen haben wollte. Wann immer wir mit ihn sprachen, erzählte er von seinen schrecklichen Schmerzen und wir waren langsam so genervt, dass wir überlegten, uns eine andere Farm zu suchen. Andererseits war die Arbeit nicht sonderlich hart und da Craig im Bett lag, konnten wir so ziemlich alles tun, was wir wollten, auch wenn wir rumscherzten, er hätte bestimmt Kameras, die alles aufzeichneten, was wir tun würden, denn er hatte uns erzählt, das Schlimmste, das ihm je passiert sei, seien zwei Backpacker gewesen, die Orangen und Müsliriegel geklaut hätten, als sie ihn verlassen hätten.

Mangos im KühlregalWir machten also unsere Aufgaben, pflückten, schälten und zerschnitten unzählige Mangos, die dann in den Tiefkühler wanderten und gingen abends nach der Fütterung der Pferde joggen. Brodie sahen wir fast so selten wie Craig. Weihnachten kam näher, wir durften Kekse backen und trafen uns mit einem Paar aus Townsville, das uns anbot, nach Weihnachten auf ihr Haus und ihre Hunde aufzupassen, gegen Essen und 200 $. Wir verstanden uns gut, auch wenn Sandra und ich beide die Hunde etwas anstrengend fanden.

Tja, und dann war es da. Weihnachten. In Australien feiert man eigentlich erst am 25., doch da wir Craig gebeten hatten, am 24. in die Kirche zu dürfen, hatte er seine Eltern zum Weihnachtsessen am 23. eingeladen. Wir hatten ein wenig Sorge, doch seine Eltern waren super nett und gebildet, beide viel gereist und es wurde ein sehr netter Abend mit gutem Essen. Wir bekamen sogar jeder eine Packung Schokokugeln geschenkt und von Craig ein „deutsches Brot“ (hier in Australien isst man hauptsächlich Weißtoast).

Hinterher spielte Craig uns noch einen Streich. Er hatte uns immer wieder ermahnt, auch ja alle Türen sorgfältig zu schließen, um keine Schlangen im Haus zu haben. Er hatte uns also eine riesige lebensechte Plastikschlange in den Flur vor unserem Zimmer gelegt und sich fast vor Lachen in die Hose gemacht, als wir panisch nach Unten gelaufen kamen, um ihn um Hilfe zu bitten. Wir waren erst weniger begeistert, konnten uns letzten Endes aber schon vorstellen, wie komisch wir ausgesehen haben mussten und lachten mit.

Heiligabend schrubbten wir zwei Stunden lang einen Grill für Craig und sammelten vergammelnde Mangos, bevor Craig uns in die Stadt fuhr, wo wir einen Gottesdienst besuchten. Anders war er. Das kann man so sagen. Zunächst einmal war die Kirche ein ehemaliger Supermarkt und dann ging der Gottesdienst mit einer Band los, und die anderen Menschen standen auf, tanzten und sangen mit. Der Pastor trug zu lange Jeans und ein blaues Hemd und predigte voller Inbrunst, auch wenn es sich nicht wirklich nach einer Predigt anfühlte, wie er da aus seinem Privatleben erzählte. Ich war von der Andersartigkeit recht angetan, Sandra schaute eher verwirrt drein und sagte später, es habe ihr nicht so gut gefallen. Nach der Kirche saßen wir draußen und warteten 1,5 Stunden auf Craig, der uns vergessen hatte. Zuhause aßen wir noch und gingen dann zu Bett, da wir nachts aufstehen wollten, um mit unseren Familien zu skypen. Auch am 25. war von Weihnachten bei Brodie und Craig nicht viel zu spüren, beide gingen arbeiten und Craig ignorierte die Geschenke, die Brodie unter den winzigen künstlichen Tannenbaum gelegt hatte. Sandra und ich schauten Weihnachtsfilme und ließen den Tag entspannt angehen, bevor wir noch 11 km spazieren gingen und auf den nahegelegensten Berg wanderten, von wo aus man einen tollen Blick über die Stadt hat.

KatzenkopfDiesen letzten Abend bei Craig ließen wir mit Pizza ausklingen und rekapitulierten: Wir hatten uns eine ziemlich gute Zeit gemacht, auch wenn Craig nicht viele der Dinge mit uns machen konnte, die er machen wollte. Wir mussten ziemlich viel Gejammer über uns ergehen lassen und haben mit Sicherheit noch nie so ordentlich hinter allem herwischen müssen, aber wir hatten eine super Unterkunft, haben viel geredet und auch sehr viel Freizeit gehabt. Auch wenn wir mit Sicherheit nicht alles essen hätten dürfen, was wir so gegessen haben, haben wir zumindest noch keine Rechnung von Craig bekommen, aber vielleicht hat er auch noch nicht seine Kameras gecheckt. 😉

Jetzt geht es wieder weiter. Wenn auch dieses Mal nicht so weit, denn bis zu unserer nächsten Unterkunft, in der wir auch Silvester verbringen, sind es nur etwa 10 km von Craigs Hof aus. Zwar ist es auch von dort aus noch recht weit bis in die Stadt, aber wir dürfen die Fahrräder unserer Hosts benutzen und viele Parks sind direkt in der Nähe des Hauses. Zudem haben Moira und Jeremy uns eine Nachricht zukommen lassen, dass sie Marzipanstollen und Zimtsterne für uns besorgt hätten, damit wir ein wenig Heimat zu Weihnachten hätten.

Mal sehen, was diese Zeit so für uns birgt. Ich bin gespannt!

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