Leben auf dem Reiterhof in Chile

Mädchen mit zwei Pferden Insider Anne

Nun ist es für unseren Insider Anne soweit: Ihr Kindheitstraum von einem wahrhaftigen Farmstay erfüllt sich in Chile! Mehr Informationen zu unserem Programm findest du unter Farmstay mit Praktikawelten.


Wie im Flug sind meine vier Wochen in Santiago vergangen und gleichzeitig habe ich so viel erlebt, dass es sich wie eine Ewigkeit angefühlt hat. Mit dem Monat März hat auch meine Zeit in Chiles Hauptstadt geendet. Am Montag, den 03.04.2017, saß ich dann endlich im Bus in Richtung Curicó auf den Weg in das wahre Abenteuer – Farmstay in Chile!

Ankunft auf der Farm

Von Able Spanish hatte ich im Vorfeld schon ein paar wenige Infos über die Farm bekommen. Ich wusste in etwa, wo sie lag und dass ich mit Pferden arbeiten würde. Die praktischste Info, die ich von ihnen bekommen habe, war aber eine Telefonnummer. Auf der Farm war nämlich bereits ein deutsches Mädchen und deren Telefonnummer wurde dann an mich weiter gegeben, damit ich schon einmal Kontakt mit ihr aufnehmen und sie mit Fragen löchern konnte. Das war toll, weil ich so schon jemanden kannte an diesem neuen, unbekannten Ort, zu dem ich mich jetzt aufmachen würde. Ellen schien wirklich sehr nett zu sein. Trotzdem hatte ich Schmetterlinge im Bauch vor Aufregung, als ich an diesem Montag in den Bus stieg.

Nach einer etwa dreistündigen Fahrt bin ich dann an der Autobahn am Cruce de Romeral ausgestiegen, etwa 20 Minuten vor der chilenischen Stadt Curicó. Dort haben mich Ellen und Jose, der Sohn meiner Chefin, mit dem Auto abgeholt. Ich hätte erwartet, dass wir jetzt erst einmal noch eine ganze Weile aufs Land raus fahren, aber nach nicht einmal 10 Minuten sind wir plötzlich mitten im Industriegebiet in eine Einfahrt eingebogen. Und so bin ich in meinem zu Hause für die nächsten zwei Monate angekommen.

Farm Chile

Der Hof besteht aus dem Pferdestall, dem Reitplatz, dem Haupthaus und einer kleinen Hütte, in der wir Mädchen wohnen. Er bildet eine richtige kleine Oase in diesem Industriegebiet. Die Farm ist umgeben von Kiwi- und Kirschbaumfeldern, die direkt hinter unserer Hütte losgehen. Dahinter ragen die Gipfel der Berge in den Horizont.

Klein aber fein

An dieser Hütte hat Jose uns abgesetzt und dann hat Ellen mir erst einmal alles gezeigt. Die Hütte ist tatsächlich winzig. Wenn man durch die Tür herein kommt, steht man praktisch schon mitten im Schlafzimmer und zur rechten ist die sehr enge, kleine Küche – alles in einem Raum. Der einzige andere Raum, den es dann noch gibt, ist das Badezimmer mit einer Dusche, einer Toilette und einem Waschbecken auf engstem Raum. Es ist nicht viel, aber es reicht total aus. Angenehm wäre nur eine etwas bessere Dämmung gewesen, weil es hier langsam immer kälter wird, während wir mit großen Schritten auf den Winter zugehen und man dann gerne nach einem langen Arbeitstag in der Kälte in eine warme kuschelige Hütte zurückkehren würde.

Aber mit den vielen Decken und dem Heizstrahler, den wir hier haben, kann man es sich in dem kleinen Hüttchen trotzdem ziemlich gemütlich und kuschelig machen. Außerdem ist es nicht immer ganz leicht, auf so engem Raum die Ordnung zu bewahren und man kann sich nur schwer aus dem Weg gehen, wenn man mal Ruhe braucht. Aber man nimmt, was man kriegen kann und eigentlich sind wir in dieser Hütte ohnehin nur zum Essen und Schlafen. Daher hat man tagsüber während der Arbeit ausreichend Zeit, sich notfalls aus dem Weg zu gehen.

Vorstellungsrunde

Nachdem ich meine Sachen abgestellt hatte, hat Ellen mir dann erstmal die Tiere vorgestellt. Auf dem Hof gibt es 4 Pferde, 2 große und 4 kleine Ponys, 4 Hunde und etwa 10 Katzen. Alle haben Namen, die ich mir am Anfang absolut nicht merken konnte, weil es erstens super viele auf einmal waren und zweitens alles spanische Namen sind, die für mein deutsches Ohr sehr ungewohnt waren. Erst dachte ich, ich würde sie mir niemals merken können, aber schneller als gedacht hatte ich alle Namen drauf.

In den nächsten Tagen habe ich dann gelernt, welche Arbeiten alle so zu unseren Aufgaben gehören. Am Dienstag, meinem ersten richtigen Arbeitstag, ging es nach der Morgenfütterung direkt das erste Mal für mich nach Talca. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch unsere Chefin kennengelernt, eine sympathische Frau um die 50 oder 60 namens Consuelo.

Pferdekoppel Chile

In Talca, eine Stadt etwa eine Stunde südlich von Curicó, gibt es eine Behindertenwerkstatt. Dort gibt Consuelo inzwischen schon seit mehreren Jahren jeden Dienstag und Donnerstag am Vormittag Reittherapie vorrangig für Kinder mit Autismus – und wir dürfen sie dabei begleiten und ihr helfen! Als ich das erfahren habe, war ich super glücklich. Vielleicht erinnert ihr euch noch: in einem meiner ersten Beiträge habe ich darüber geschrieben, wie ich auf das Projekt Farmstay gestoßen bin und dass ich eigentlich ursprünglich ein soziales Projekt hatte machen wollen. Die Möglichkeit zu bekommen, beides mit einander zu verbinden, habe ich als großes Glück empfunden!

Das alltägliche Leben in Chile

Ein normaler Tag sieht für uns hier so aus: Morgens um halb neun holen wir die Pferde und Ponys aus ihren Boxen, bringen sie auf den Platz und füttern sie. Leider hat die Farm inzwischen keine Weiden mehr, auf denen die Pferde tagsüber grasen können, weil das alles von der Industrie rundherum vereinnahmt wurde. Deshalb stehen die Pferde tagsüber tatsächlich einfach auf den Reitplätzen und in Außenboxen. Wenn die Pferde gefüttert sind, versorgen wir noch schnell die Katzen und die Hunde und misten dann die Boxen aus. Wenn uns noch Zeit bleibt, machen wir danach noch andere Säuberungsarbeiten wie das Reinigen der Tränken oder das Harken des Hofs. Gegen halb eins kriegen die Pferde Mittag, bevor wir selbst für zwei Stunden bis um halb 3 in die Mittagspause gehen. Nicht immer schaffen wir es pünktlich in die Pause, da wir die meiste Zeit aber ohnehin alleine und ohne Aufsicht arbeiten, teilen wir uns die Zeiten flexibel ein und fangen je nachdem, wann wir in die Pause gegangen sind, einfach früher oder später wieder an zu arbeiten.

Der Einzige, dem das auffällt, ist David. Er ist der Angestellte der Familie, der irgendwie für alles zuständig ist. Egal, was kaputt ist, David kann es reparieren und wenn er gar keine andere Arbeit mehr findet, weil alle Zäune und Wasserleitungen und was sonst noch gerade heile sind, dann hängt er eben die Wäsche auf. David ist ein sehr sympathischer, witziger Kerl um die 50, der selbst für einen Chilenen noch winzig ist, sodass er mich immer ein bisschen an einen Hobbit erinnert. Ihn zu verstehen, ist aber eine Herausforderung, weil er so undeutlich spricht, dass selbst die Chilenen ihn manchmal nicht verstehen. Aber mit Händen und Füßen geht alles irgendwie.

Die Arbeit mit Pferden

Nach der Mittagspause geht es dann darum, die Pferde zu bewegen. Das heißt, erst einmal muss man die Pferde alle so umstellen, dass der Platz frei wird. Danach holt man sich das Pferd, mit dem man arbeiten will und dann geht es erstmal ans Sauber machen. Zum Bewegen der Pferde haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir longieren sie oder wir reiten sie. Alle Pferde schafft man eigentlich nie an einem Tag, deswegen ist es auch wichtig, immer abzuwägen, welche Pferde bewegt werden müssen.

Farmstay Chile

Zwischen 18 und 19 Uhr abends bringen wir die Pferde dann wieder in ihre Boxen, decken sie ein und füttern sie. Und dann haben wir Feierabend. Wir können entweder noch mit dem Bus nach Curicó fahren, um einzukaufen oder in eine Bar zu gehen. Oder – und das ist meistens der Fall – wir fallen einfach nur noch wie tot ins Bett.

Ein Traum wird wahr

Die Arbeit hier ist zwar wirklich anstrengend und kräftezehrend, trotzdem war ich gerade am Anfang überschwemmt von Glücksgefühlen. Auf einem Reiterhof zu leben war als Kind immer ein Traum von mir. Ich war die Sorte Mädchen, die gern Bibi und Tina geschaut und Rose Hill gelesen hat. Pferdefilme, Pferdeserien, Pferdebücher – ich habe es geliebt! Und ich habe mir nie Illusionen gemacht. Mir war schon als Kind klar, dass die harte Arbeit ein Teil davon ist.

Deshalb hatte ich am Anfang richtig Bauchkribbeln vor Glück, dass ich meinen Traum jetzt tatsächlich lebe. Und dann gleich nochmal viel mehr, als ich nach ewig langer Zeit das erste Mal wieder auf einem Pferd gesessen habe! Inzwischen hat man sich eingelebt und die Arbeit hier ist zum Alltag geworden, aber manchmal trifft es mich immer noch wie ein Schlag aus dem Nichts, wie glücklich ich mich schätzen kann, diese Erfahrung zu machen. Besonders auf einer so wirklich schönen Farm mit so wundervollen, charakterstarken Tieren.

Pferde Mädchen Chile

Zeitmanagement

Da wir dienstags und donnerstags vormittags in Talca sind, fällt das ganze Saubermachen auf den Nachmittag, wodurch wir an diesen Tagen weniger zu Hause schaffen. Mittwochs und freitags haben wir nachmittags Reitunterricht mit kleineren und größeren Kindern. Bei den kleineren helfen wir beim Vorbereiten der Ponys und sind dann auch richtig beim Unterricht dabei und helfen, die Pferde zu führen oder den Kindern Hilfestellungen zu geben. Die größeren Kinder brauchen nur manchmal Hilfe beim Putzen oder Satteln, den Unterricht macht Consuelo dann alleine.

An Samstagen müssen wir nur halbtags arbeiten, was bedeutet, das Pferde Bewegen fällt weg. Trotzdem müssen wir die Tiere abends in den Stall holen und füttern. Sonntags haben wir sozusagen frei, weil wir uns nur um die drei Fütterungen kümmern müssen. Wir sind also immer gut beschäftigt, trotzdem bleibt aber immer noch genug Freizeit, um ein bisschen etwas zu erleben. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag. 😉


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