Der Wert des Reisens

Berge und Straße

Unsere Stipendiatin Marah ist gerade für unser Projekt „Sozialarbeit mit Kindern“ in Peru. Sie philosophiert über den Wert des Reisens und Dinge, die man bei einem Auslandsaufenthalt lernt. Mehr Informationen zu diesem Projekt findest du unter Sozialarbeit mit Kindern in Peru.


Während ich zu Hause noch etwas skeptisch den Reisegeschichten anderer gelauscht habe, komme ich hier zu einer sehr wichtigen Erkenntnis. Der Selbstfindungsprozess des Reisens existiert wirklich und ist kein kollektives Märchen. Keine Floskel, welche die eigenen Geschichten verschönert. Bewegt man sich aus seinem gewohnten Lebensumfeld heraus, kann man nach einiger Zeit den Unterschied zwischen seiner eigenen Persönlichkeit und uns von der Gesellschaft aufgelegten Attributen erkennen. Einfach ausgedrückt: Während der Zeit im Ausland lernt man nicht nur eine spannende neue Kultur kennen, sondern erfährt mindestens ebenso viel über sich selbst und die eigene Herkunft.

Erkenntnisse des Reisens

Wer mit offenen Augen reist, kann so gleich mehrere Dinge feststellen. Erstens: Traditionen und Lebensbedingungen unterscheiden sich zwar je nach Kulturkreis, jedoch bleiben grundsätzlich menschliche Angewohnheiten die selben. Ganz gleich wo auf der Welt man sich gerade befindet. Zweitens: Zeit vergeht überall gleich schnell, doch hat sie nicht überall die selbe Bedeutung. Drittens: reise mit wachem Blick, geöffnetem Herzen und ohne Internetverbindung. Du wirst dir selbst einen großen Schritt näher kommen.

Über den Dächern von Peru

Kulturelle Unterschiede

Was unterscheidet dieses Land in Südamerika von den anderen in Europa? Es sind vor allem die oberflächlichen Dinge, in denen sich Peru und Deutschland voneinander abgrenzen lassen. Frauen tragen fast grundsätzlich hohe Schuhe. Kinder stecken in Schuluniformen und Jungen dürfen während ihrer Schulzeit keine langen Haare tragen. Daher haben viele männliche Studenten lange Haare, um es endlich einmal auszuprobieren! Zuneigung zwischen zwei Menschen wird hier selbstverständlich auch in der Öffentlichkeit gezeigt, sodass ich immer wieder darüber staune, wie viele junge Pärchen sich in der Stadt herumtummeln.

Haus Peru

Das Verkehrschaos und die Art und Weise des Autofahrens (hektisch, schnell und ausgesprochen geschickt) sind eines der Dinge, die mir bereits während meiner ersten Busfahrt aufgefallen sind. Anschnallgurte? Kennt man hier wohl eher nicht. Genauso wenig wie begrenzte Sitzplätze im Auto oder gar Kindersitze. Durch Gespräche mit Peruaner*innen habe ich erfahren, dass man in Peru auf öffentlichen Schulen und Universitäten leider öfters eine minderwertigere Bildung erlangt und daher gerade die wohlhabenderen Kinder auf private Institutionen geschickt werden. Generell meinte er, sei Bildung hier vor allem Privatsache und im öffentlichen Leben noch etwas weniger verankert als bei uns.

Blindes Vertrauen

Auffällig ist auch, dass man wenig Auswahl bei Dienstleistungsanbietern hat. Vieles gestaltet sich als Mono- bzw. Oligopol. Movistar ist in Cusco beispielsweise der einzige Anbieter für WLAN-Router, sodass man auf das Funktionieren eines Anbieters angewiesen ist (und lediglich abwarten kann, falls das WLAN nicht funktioniert). Etwas hinter die Fassade blickend, habe ich festgestellt, dass die Menschen hier zwar in gewisser Weise Einzelkämpfer sind, doch generell mehr Vertrauen in die Öffentlichkeit haben. Ob bei Busfahrten oder in Büros, man vertraut dem Anbieter blind und verzichtet auf eine ausführliche Belehrung.

Peruanerin

Das ist zugegebenermaßen etwas ungewohnt für mich. Zu Hause bin ich immer bestens informiert. Allerdings wäre das hier fast unmöglich. Die Mentalität der Menschen ist von Grund auf viel entspannter. Laissez-faire und la hora peruana treffen es ziemlich gut. Trotz der relativen Armut sind die Menschen hier freundlich und es ist nicht ungewöhnlich, dass dir eine Marktfrau trotz heruntergehandelter Ware am Ende doch noch eine Banane schenkt und dir mit einem Lächeln einen angenehmen Tag wünscht.

Gemeinsamkeiten

Genug der scheinbaren Unterschiede. Was ist denn nun gleich, ganz egal auf welchem Breitengrad der Erde man sich befindet? Das Kichern der Schulmädchen, wenn sie sich heimlich spannende Dinge zuflüstern zum Beispiel. Oder WhatsApp, welches als Hauptkommunikationsmittel jeder Altersklasse genutzt wird. Das Bedürfnis der Menschen zu konsumieren. Gemeinsames Mittagessen in der Mittagspause mit Kollegen und Kolleginnen. Große Geschäftsketten wie Starbucks und KFC, die man hier, wie überall auf der Welt, an jeder Ecke finden kann. Hier wie dort genießen schwächere Menschen einen besonderen Stellenwert und ihnen wird selbstverständlich ein Sitzplatz im Bus angeboten. Coffee-to-go ist unschlagbar beliebt.

Sandwüste Peru

Arme Menschen und reiche Menschen. Hilfsbereitschaft oder Scheuklappen auf den Augen. Unterschiede zwischen Menschen unterscheiden sich paradoxerweise nirgends. Lächeln, Weinen, Wut und Glück gibt es überall. Genauso wie wie wir letztendlich doch alle auf die selbe Art und Weise Leben und Lieben. Es ist selten leicht, die Bedeutsamkeit eines Gegenstandes zu definieren. Folglich ist es noch schwieriger, Handlungen oder Tätigkeiten einen Wert zuzuschreiben. Was jedoch die Zweckmäßigkeit des Reisens betrifft, bin ich mir einer Sache sicher: Reisen ist unendlich wichtig für Menschen!

Erkenntnisse über mich

Ob als junger Gelehrter vergangener Zeiten oder als orientierungslose Schulabgängerin heute: Nirgends lernt der Mensch intensiver als auf unbekanntem Wege. Ich habe feststellen können, welche Werte und Normen ich von zu Hause sehr schätze, bin mir selbst ein wenig auf die Spur gekommen. Ich habe eine neue Sprache im Alltag erlebt – kann zwar immer noch keine spanischen Stilmittel auswendig, dafür aber den Preis von Obst und Gemüse erfolgreich verhandeln. Meine Armbanduhr habe ich zu Hause vergessen und sie in keinem Moment vermisst. Dafür weiß ich die hora peruana zu schätzen und nutze Zeit des Wartens mittlerweile zum Beobachten des Lebens.

Zwei Mädchen schauen auf See Peru

Und vor allem habe ich selbst feststellen können, wie schnell Fremde zu Freunden werden. Und wie wenig allein wir eigentlich wirklich sind. Selbst wenn wir ohne Begleitung an einem unbekannten Flughafen hamburgeressend auf unsere nächste Verbindung warten.


Du möchtest mehr von Marahs Erlebnissen in Peru lesen? Ihre Berichte findest du unter Stipendiatin Marah – viel Spaß beim Lesen!