Apokalypse in Thailand

Insider Marvin berichtet aus Thailand

Ich liege gerade im Bett und wollte eigentlich ausführlich über den gestrigen Schultag schreiben, an dem Max und ich in den Genuss einer kleinen Thaimassage kommen durften. Zwei Schülerinnen kamen während einer kurzen Pause zu uns an und begannen ungefragt, uns zu massieren. Man konnte sofort merken, dass sie bereits in ihrem jungen Alter wussten, wo am Rücken welcher Muskel verläuft und mit wie viel Kraft man an welcher Stelle drücken muss, um bei uns für das höchste Maß an Entspannung und Wohlbefinden zu sorgen. Vermutlich ist es hier in Thailand Tradition, dass die Mütter ihren Töchtern schon früh die Kunst des Thai-Massierens beibringen. Wie gesagt, eigentlich wollte ich darüber schreiben. Aber nun passe ich mich mal an thailändische Gepflogenheiten an und mache es erstens anders und zweitens, als man es erwartet.

Ich schaltete gerade meinen Laptop ein, als plötzlich ein monsunartiger Platzregen mit Gewitter und peitschenden Windböen einsetzte. Sofort warf ich meine Pläne über Bord, denn ich fühlte mich an ein nennenswertes Ereignis erinnert, mit dem wir uns vor einigen Tagen konfrontiert sahen.

Als wir uns am Abend gemeinsam an den Essenstisch setzten, schien alles vollkommen normal. Die Hunde tobten zwischen unseren Beinen, wir hatten massenhaft Gemüse, Fleisch und zu meinem Bedauern natürlich auch Reis vor uns und die Stimmung war blendend. Nach einiger Zeit jedoch verdunkelte sich der Himmel und die Sonne, die unsere teils vorhandenen Sonnenbrände bis dahin so erbarmungslos gekitzelt hatte, schien innerhalb eines Wimpernschlags verschwunden zu sein. Es fing an zu regnen. Wobei dieser Ausdruck maßlos untertrieben ist. Der Himmel ist sprichwörtlich aufgebrochen, um Ozeane über unseren Köpfen in wasserfallartigen Strömen gnadenlos niederfallen zu lassen. Es war wirklich, und das meine ich ernst, daher lasse ich in diesem Text Ironie und Witz einmal weg, erschreckend und einschüchternd. Inmitten von Ayutthaya fühlten wir uns den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Und es hörte nicht mehr auf. Plötzlich, als stehe die Apokalypse bevor, fiel der Strom aus. Mittlerweile war es dunkel geworden, sodass uns nun eine bedrückende Schwärze umgab. In einer Umgebung, in der man sich nicht mehr auf seine Augen verlassen konnte, kam uns der gewaltige Niederschlag noch umso ohrenbetäubender vor.

Nach einiger Zeit merkten wir, dass ein Teil der eigentlich überdachten Fläche knöcheltief unter Wasser stand. Wir suchten Schutz im Haus. Als wir dann gemeinsam auf dem Boden saßen, mit Kerzen, die uns wenigstens ein klein wenig Licht spendeten, wirkte das Unwetter draußen plötzlich nicht mehr so einschüchternd. Es machte sich eine gemütliche Stimmung breit. Von diesen Momenten werde ich noch in Jahren erzählen, wenn ich die Besuche in all den Tempeln schon längst vergessen habe und mich auch schon gar nicht mehr an irgendwelche Bootstouren oder Stadtbesichtigungen erinnern kann.

Als nach etwa zehn Minuten das Licht wieder anging, fühlte ich zunächst einen sanften Hauch von Ernüchterung. Natürlich war ich auch erleichtert, schließlich wäre ich vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, wenn sich der Strom noch mehr, vielleicht sogar noch Tage Zeit gelassen hätte, aber dennoch war es eine Erfahrung, die Gemeinschaftsgefühle weckt und einen mit Menschen zusammenschweißt, die man vorher nicht kannte. Im weiteren Verlauf des Abends verließ uns der Strom immer mal wieder für wenige Minuten, kehrte jedoch jedes Mal auf Neue zurück. Die Kerzen wurden nicht mehr gebraucht.

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08.08. Marvin Schildmeier